Joseph Ratzinger: Politik und Erlösung. Zum Verhältnis von Glaube, Rationalität und Irrationalem in der sogenannten Theologie de

JOSEPH RATZINGER
Politik und Erlösung. Zum Verhältnis von Glaube, Rationalität und Irrationalem in der sogenannten Theologie der Befreiung
(Westdeutscher Verlag, Opladen, 1986)
 
Idézetek:
 
p.20
Die eigentliche Kritik an dieser "Theologie" ist ihre philosophische Irrationalität, die die religiösen Kräfte als Rechtfertigung des Irrationalen einsetzt, das gerade dadurch - wie HANNAH AHRENDT gezeigt hat - zum Totalitären wird: Es gibt hier nur eine richtige Politik; Politik ordnet nicht nur das Politische, sondern wird als Kulturrevolution zur Fabrik des neuen Menschen.
[...]
Wenn Theologie zum Vehikel irrationaler Philosophie wird, so kann der Orthodoxievorbehalt zwar die Person des Theologen, aber doch nicht das Ganze seiner Theologie rechtfertigen; es muB vielmehr die Frage aufstehen, wo denn nun über das philosophische Versagen hinaus der eigentlich theologische Fehler liegt. [...]
Der eigentliche theologische Fehler scheint mir in der systematischen Einordnung des politisch-sozialen Problems zu liegen, das von der Logik und den Möglichkeiten der Theologie her seinen richtigen Platz nicht in der Erlösungslehre finden kann.
p.21
Die Einordnung der Politik in die Seinslehre und die Behandlung des Seins nach dem Muster des physikalischen Seins und seiner Montierbarkeit in der Maschine ist kennzeichnend für ein Projekt, das Freiheit in ein kollektives und prozessuales Geschehen umwandelt, in dem mit der Verlässigkeit und Endgültigkeit einer Maschine das Produkt "Neuer Mensch" hervorgebracht wird. Diesem - wenn ich so sagen darf - physikalischen Modell steht der aristotelische Entwurf entgegen, der - PLATON präzisierend und klärend - Politik nicht in Metaphysik, sondern in Ethik einordnet und damit ein vollig anderes Verständnis von Freiheit und Verantwortung als Grundelementen politischen Händelns ausbildet.
p.22
Ich wage zu behaupten: Nur wo dies geschieht, bleibt das biblische Menschenbild in Geltung, d. h. die Freiheit und die Würde eines jeden einzelnen, der nicht zum Teil einer Physik des Fortschritts erklärt werden kann. Nur so bleibt umgekehrt auch die notwendige Rationalität der Politik erhalten, ohne einem leeren Empirismus ausgeliefert zu werden. Denn so tritt nun auch die echte und eigentliche Aufgabe des Glaubens zutage, die nicht in irrealen VerheiBungen eines angeblichen historischen Projekts besteht, sondern im Aufdecken jener sittlichen Wahrheit, die aus keiner empirischen Analyse als solche destilliert werden kann und die doch die Bedingung eigentlich menschlichen und gemeinschaftlichen Handelns ist.
p.23
Deswegen ist es entscheidend, daB der Respekt vor der Unbestimmbarkeit der Zukunft und vor den Grenzen in der Definierbarkeit des Ethischen nicht dazu verführt, dem Positivismus des Marktes und der Macht das Feld zu überlassen. Darin liegt die unersetzliche Bedeutung dessen, was man katholische oder evangelische Soziallehre nennen mag. In ihr geht es darum, Glauben operativ zu machen, d. h. das Ethos des Glaubens auf die wirtschaftliche und politische Vernunft zu beziehen und aus dieser Beziehung heraus Handlungsmodelle zu entwickeln, die nicht Erlösung produzieren, aber Bedingungen erlösten Daseins eröffnen können. [kiemelés -- UJ] Man hat von seiten der Befreiungstheologie der christlichen Soziallehre vorgeworfen, daß sie politisch ineffizient und systemstabilisierend, weil bloß reformistisch sei, Reform aber eine Kategorie des evolutionären Systems bilde. Was den Mangel an Effizienz anlangt, so ist dieser Vorwurf historisch zum Teil, aber auch nur zum Teil berechtigt. Daß aber Reform eine Kategorie von Evolution (Entwicklung) und darum systemstabilisierend sei, ist eine Kette von Schlußfolgerungen, die zu bestreiten ist. Denn in Wahrheit sind sowohl Evolution wie Revolution Kategorien eines deterministischen Denkens, während Reform Ethos und Freiheit voraussetzt und darin ihre Schwäche wie ihre Stärke hat. Was aber die Frage des Systems, der Stabilisierung und der Destabilisierung angeht, so kann auf Freiheit ausgerichtetes Denken weder von der Endgültigkeit eines einmal gesetzten Systems noch von der Erwartung der Endgültigkeit eines ganz anderen ausgehen, durch das es etwa zu ersetzen wäre, sondern nur auf die immer neu ansetzende Bemühung [kiemelés -- UJ] um eine menschenwürdige Gestalt des politischen und sozialen Lebens setzen. Die historisch zum T eil zu beklagende Ineffizienz der christlichen sozialen und politischen Ethik beruht darauf, daß der Dialog zwischen moralischer und empirischer Vernunft nicht energisch genug geführt wurde, und daß die moralische Einsicht, die aus den Grundintuitionen des Glaubens hervorgeht, sich kleinmütig vor der scheinbaren Alleingeltung der empirischen, d. h. der quantitativen Vernunft zurückgezogen hat. In dem befreiungstheologischen Versuch, die Utopie als Mittelbereich zwischen empirischer Vernunft und Glaube ins Spiel zu bringen, ist insofern etwas Richtiges gespürt, aber falsch angewandt, weil die Dominanz der Utopie die Vernunft verschlingt und den Glauben gegenstandslos macht. Was aber unbedingt notwendig ist, ist eine Ausweitung unseres Vernunftbegriffs bzw. die neue Anerkennung der Grenzen des quantitativen Denkens und der Realitßt einer sorgfaltigen Reflexion auf die im Glauben liegenden Vorgaben an das Erkennen.
p.24
Die Werke rechtfertigen nicht, d. h. die Politik erlöst nicht, und wenn sie diesen Anspruch erhebt, wird sie zur Sklaverei. Diese christliche Grunderkenntnis hat heute eine neue und geradezu bestürzende Aktualität erlangt. Aber gerade wenn man sie in aller Strenge festhält, wird ebenso klar, daß der Glaube Werke braucht und zu solchen führen muß. Die Kirchenvater haben beide Aspekte, übrigens durchaus auf Paulus fußend, in dem von den Griechen entlehnten Begriff der Paideia verbunden, den wir leider nur unzulänglich mit "Erziehung" oder "Bildung" wiedergeben können. In der Tat, was die menschlichen Dinge wandelt, ist zuletzt immer wieder nur Erziehung, die beides umfaßt: Bildung und Ausbildung, Können-lernen und Reinigung des Seins. Glaube ist Bildung, die dem Menschen von Gott her widerfährt [kiemelés – UJ] und deren er bedarf, weil er sich in keinem Augenblick seiner Geschichte als Mensch selbst erschaffen kann. Aber gerade weil es so ist, verlangt der Glaube den Zusammenhang mit der menschlichen Bildung [kiemelés – UJ] in allen ihren Dimensionen. Er gibt ihr Richtungen und Ausgangspunkte, die aber inhaltslos werden, wenn das Gespräch mit der Vernunft und der Respekt vor ihrem eigenen Anspruch ausfällt. So tritt menschliche Bildung im unlöslichen Zusammenhang von Können und Sein in das Bedingungsgefüge von Erlösung ein, in ein Wechselverhältnis, in dem gilt, daß Bildung, je weiter sie führt, desto mehr nicht nur die menschlichen Dinge verändert, sondern auch den Menschen erfahren läßt, was über alles Menschliche hinausreicht und es gerade so zusammenhält. [kiemelés –UJ] Die damit angedeuteten Zusammenhänge von Glaube und Werk unter den Voraussetzungen von heute neu zu denken und auszuarbeiten - das ist die zwingende Herausforderung, die von der Befreiungstheologie ausgeht und die nicht nur die Theologen betrifft, sondern alle, die fur den Fortgang der menschlichen Geschichte Verantwortung empfinden.

Képek

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